| Alles Reformschule, oder was? | ||
Das gegliederte
. . . . zum Heulen |
Ende April 03
war es wieder soweit. Rund 165 Viertklässler erhielten die
Mitteilung, dass es in diesem Jahr nichts wird mit dem IGS-Platz. Wie in
den Jahren zuvor gab es wieder wesentlich mehr Anmeldungen an den
Wiesbadener Integrierten Gesamtschulen als Plätze vorhanden sind.
Und wieder war ein Jahr
vergangen, in dem konservative Ideologie und politische Arroganz
Schulentwicklung in Wiesbaden verhindert hat.
Hat sich wirklich nichts geändert? Doch ! Die CDU, genervt von der nicht enden wollenden Schulsystem-Diskussion, und die SPD, um Profilierung bemüht, haben sich Anfang des Jahres zusammengesetzt und abseits der Öffentlichkeit hinter verschlossenen Türen etwas Merkwürdiges ausgehandelt: Reformschule (Reform = verbessernde Neu-, Umgestaltung). Eine Integrierte Gesamtschule unter anderem Namen. Alle sind glücklich und zufrieden, gegenseitiges Schulterklopfen, das war der Durchbruch. Tatsächlich ??? Am 11. September 03 tagte der Ausschuss "Schule und Kultur". Auf der Tagesordnung auch der Schulentwicklungsplan. Zur Diskussion stand eine Magistratsvorlage zur zukünftigen Schulsituation in Wiesbaden. Und da war sie wieder - die Reformschule !!! 1. Die Reformschulen sollen verbunden Haupt- und Realschulen werden. Leistungsstärkere Schüler sollen auf die Gymnasien geschickt werden, offensichtlich um das sich abzeichnende Leerlaufen ganzer gymnasialer Schuljahrgänge aufzuhalten bzw. nicht weiter zu forcieren. 2. Das Unterrichtskonzept ist eine Art Kurssystem mit einem Angebot für leistungsstärkere (Realschule) und leistungsschwächere (Hauptschule) SchülerInnen. Die Schulkonferenz entscheidet, ab welcher Jahrgangsstufe (evtl. auch ab 5) der integrierte Unterricht aufgegeben wird und die Kinder in Kurse eingeteilt werden. Das wäre dann eine Kooperative Gesamtschule ohne Oberstufe. Eine wirklich grandiose "Reform" nach drei Jahren politischem und parteitaktischem Gezerre. 3. Den Schülern wird eine „Berufsorientierung“ angeboten, um ihnen eine gute Vorbereitung auf das Arbeitsleben zu geben. Eine Vorbereitung auf das Abitur sehen die Lehrpläne nicht vor. 4. Die Klassenstärke soll 25 nicht überschreiten. Das wäre ja schon mal was. Daraus ergeben sich folgende Überlegungen: Wie soll herausgefunden werden, welche SchülerInnen denn für die Reformschule geeignet sind. Zu gut dürfen sie ja nicht sein, denn die ganz Guten sollen ja auf ein Gymnasium gehen. Also muss eine Beurteilung her, d. h. Voraussetzung für die Reformschule ist die bekannte „Empfehlung“ der Grundschule mit der Bemerkung "Haupt/Realschule". Damit wird weiterhin bei Viertklässlern selektiert und gesiebt, in vermutet Gut und Schlecht eingeteilt und den Spätzündern die Chance auf einen höheren Bildungsabschluss genommen. Eine der Säulen des Integrierten Bildungskonzeptes ist aber das Offenlassen des Bildungszieles bis zur 8./9. Klasse, um den verschiedenen Lerntypen und Neigungen der SchülerInnen gerecht zu werden. Ein schülerfreundliches Konzept, dass mit Anreiz und Motivation durch Arbeiten im Team und in klasseninternen Lerngruppen den Kindern hilft, einen den individuellen Möglichkeiten entsprechenden optimalen Bildungsabschluss zu erreichen. Da auch bei dem Reformschulkonzept durch die frühzeitige Selektion und die einseitige Ausrichtung der Lehrpläne auf das niedere Bildungswesen (Haupt/Realschule, im Gegensatz zum Gymnasium - höheres Bildungswesen) die individuellen Bildungschancen beschnitten werden, ist dieser Vorgang das krasse Gegenteil des IGS-Konzeptes. Noch schlimmer, dieses interfraktionell vereinbarte Reformschulkonzept passt hervorragend in die Bemühungen der Frau Wolff (Kultusministerin), durch ständige Leistungserhöhung und deren Kontrolle, einschliesslich der beabsichtigten Querversetzung und des Erziehungsvertrages, die Schulverweildauer möglichst gering zu halten. Querversetzung bedeutet, dass bei schlechten Leistungen die Klasse nicht mehr wiederholt wird (Sitzenbleiben). Diese Kinder werden in die gleiche Klasse an einer Schule mit dem nächst niedrigeren Bildungsgang abgeschoben (vom Gymnasium zur Realschule, von der Realschule zur Hauptschule). Dass dabei viele Kinder im Bildungsbereich auf der Strecke bleiben, wird in Kauf genommen. Hier offenbart sich die Misere und der Auslesemechanismus des gegliederten Schulsystems in seiner ganzen Härte und wird durch die Vorgaben der Landesschulpolitik weiter verschärft. Die Kinder werden nach unten durchgereicht bis zur Hauptschule, die heute schon in den Ruf und die Rolle einer Sonderschule gedrängt wird, und ihrem eigentlichen Bildungsauftrag nicht mehr gerecht wird. Daran wird auch die Reformschule, so sie denn kommt, nichts ändern. Es wird nur noch unterschieden zwischen Eliten und Nicht-Eliten, und diese Einteilung wird in der vierten Klasse der Grundschule vorgenommen. Für die Eliten gibt es die Gymnasien und Hansenberg, für die Nicht-Eliten gibt es dann u. a. die Reformschule mit den Schwerpunkten „Sport, Erwerb von Sprachkompetenz, intensive Einbeziehung der Arbeitswelt in den Unterricht, berufsorientierte Praktika“. Ob dieses Schulsystem unserer Gesellschaft die fehlenden Fachleute bringt, muss bezweifelt werden. Das alles hat mit den Zielen des Integrierten Bildungskonzeptes nichts zu tun, denn mehr Selektion und mehr Kontrollen schaffen nicht mehr bessere Schüler, sondern nur mehr Versager. Was ist denn nun an der Reformschule Reform? Eigentlich nichts. Sowieso erst für 2004 geplant, ist diese Reformschule weder IGS-Ersatz, noch wird sie dem Elternwillen nach Ausweitung des Integrierten Bildungsangebotes gerecht. Sie ist weder eine Bereicherung der Schullandschaft, noch eine Perspektive für Eltern, die für die Ausbildung ihrer Kinder das IGS-Konzept wollen. Für das Einrichten von verbundenen Haupt- und Realschulen braucht man diesen ganzen Aufwand nicht, aber "Reform" hört sich eben besser an. Mit der Begriffs-Manipulation werden die Eltern nur weiter verdummt und verunsichert. Die Initiative Pro IGS sieht jedenfalls keinen Anlass, ihre Forderung nach weiteren Integrierten Gesamtschulen in Wiesbaden aufzugeben. |
| 20061002 |