Das Schulsystem in Finnland - ein Modell für Deutschland ?
 
Der PISA-Schock sitzt tief. Die Studie zur Bildungssituation hat ein paar ordentliche Dellen im Dichter-und-Denker-Image der Deutschen hinterlassen: Immerhin liegen wir in allen getesteten Bereichen deutlich unter dem Durchschnitt der teilnehmenden 32 Staaten. Kaum aus der Schreckstarre erwacht, begann die erschütterte Fachwelt nach Ursachen zu suchen. Schuldige waren schnell gefunden: Unzureichend ausgestattete Schulen. Schlecht ausgebildete und demotivierte Lehrer. Gleichgültige Eltern. Zuviel Fernsehen. Computerspiele. Doch nach den unvermeidlichen Schuldzuweisungen ist es jetzt vielleicht an der Zeit, sich um mögliche Wege aus der Bildungskrise zu kümmern. Und sich dabei auch mal anzuschauen, wie es die anderen machen. Die, deren Schüler bei PISA besser abgeschnitten haben. Hier lohnt ein Blick zu den Finnen – denn Finnland hat viel mehr zu bieten als endlose Wälder, Handys und Mika Häkkinen.
 

 
In allen drei PISA-Testfeldern – Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften – liegen Finnlands Schüler auf den vorderen Plätzen. Im wichtigsten Testfeld "Lesen" haben sie sogar am besten abgeschnitten. Zum Vergleich: Deutsche Pennäler liegen hier weit abgeschlagen auf Platz 22.

 
Was macht Finnlands Schulsystem so effektiv? Die Antwort auf diese Frage liegt in der individuellen Betreuung der Schüler. Sitzenbleiben gibt es nicht. Lernschwache und verhaltensauffällige Kinder werden nicht stigmatisiert und auf Sonderschulen abgeschoben. Wer plötzlich in seinen Leistungen nachlässt, die Schule schwänzt oder ungewöhnlich aggressives Verhalten zeigt, wird von einem Expertenteam aufgefangen. Ziel ist, den Schüler wieder in die Lerngemeinschaft zu integrieren. Solche Teams arbeiten an jeder finnischen Schule. Eine Schulschwester ist für die gesundheitlichen Belange verantwortlich und gleichzeitig eine Ansprechpartnerin für kleinere und größere Probleme im Schulalltag. Ärger mit den Lehrern fällt ebenso in ihren Zuständigkeitsbereich wie der erste Liebeskummer.

Eine Sozialpädagogin kümmert sich um Konflikte wie Mobbing oder Schuleschwänzen. Eine Psychologin forscht nach, wenn die Gründe für eine Lernschwäche nicht sofort erkennbar sind. Und schließlich bietet eine speziell ausgebildete Lehrerin gezielte Nachhilfe: Hat ein Kind Defizite in einem oder mehreren Lernbereichen, wird es – wenn nötig auch im Einzelunterricht – intensiv gefördert. An größeren Schulen besteht außerdem die Möglichkeit, verhaltensauffällige Kinder vorübergehend in kleinen, speziell betreuten Gruppen lernen zu lassen. In diesem System haben auch die traditionellen Lehrer ihren Platz. Nur werden sie durch die Expertenteams entlastet und können sich voll und ganz auf eine möglichst effektive Stoffvermittlung konzentrieren.

 
Die Grundlagen für das finnische Modell wurden 1972 gelegt. In diesem Jahr schafften die Finnen das gegliederte Schulsystem ab. Sie ersetzten es durch eine Gesamtschule, auf die alle Kinder bis zum Abschluss der neunten Klasse gehen. 70 Prozent wechseln danach auf die gymnasiale Oberstufe, um nach weiteren drei Jahren ihr Abitur abzulegen. Chancengleichheit ist oberstes Gebot: Alle Kinder haben das Recht auf eine hochwertige und umfassende Schulbildung, schwächere Schüler werden gefördert und integriert. Dass dieser Ansatz funktioniert, hat die PISA-Studie eindrucksvoll bewiesen.
 
Kann Deutschland von den Finnen lernen? Immerhin wird hierzulande immer häufiger über die Bildung neuer Eliten diskutiert – ein krasser Gegensatz zum Gesamtschul-Prinzip. Doch das finnische Bespiel zeigt: Chancengleichheit ist nicht gleichbedeutend mit Niveauverlust. Im Gegenteil: Wer auf Lerndefizite frühzeitig und konsequent reagiert, macht Bildung langfristig zum Gemeingut – zugänglich für alle Schichten der Bevölkerung.
 
Ein Schulsystem nach finnischem Vorbild hat einen Nachteil: Es ist teuer. Vielleicht zu teuer in Zeiten leerer Kassen und knapper Budgets.
Andererseits: Jede Investition in die Bildung ist auch eine Investition in die Zukunft.

Aus www.starke-eltern.de 20072003