Die Schulsysteme 

In unserem traditionellen dreigliedrigen Schulsystem werden in der Mitte des 4. Schuljahres die ca. 10-jährigen Kinder bewertet und klassifiziert. Auf der Grundlage der erlernten Kenntnisse und Fähigkeiten und der gezeigten Leistungsbereitschaft werden die Kinder genormt, und ihnen wird ein wahrscheinlich zu erreichendes Ziel vorgegeben, das sich in der "Empfehlung" Haupt-, Realschule oder Gymnasium niederschlägt. Bleibt das Kind in den nächsten 6 Jahren in dieser Norm, sie wird halbjährlich überprüft, erreicht es den Abschluss in dem entsprechenden Bildungsgang. Wenn das Kind aber im Rahmen seiner Entwicklung (älter und erfahrener werden, Pubertät) diese Norm verlässt, gibt es Probleme.

  
Das Traditionelle Schulsystem

Verlässt das Kind die vorgegebene Norm nach unten, gibt es die Möglichkeit der Nachhilfe in der Schule oder privat. Häufig erfolglos, weil der Leistungsabfall in der Regel nicht durch einen intelektuellen Mangel, sondern durch sich ändernde Bedingungen im persönlichen Umfeld und entwicklungsbedingte Unsicherheiten des Kindes bewirkt wird. Die Eskalation ist Sitzenbleiben und Verlassen der Schule in Richtung nächst niederer Bildungsgang. Die Folgen sind für die Kinder einschneidend: Verlassen des sozialen Umfeldes und der Makel des Versagens. Wobei nach dem Selbstverständnis des Systems das Versagen nur beim Schüler und nicht bei der Schule liegen kann.

Ein Wechsel in den nächst höheren Bildungsgang ist möglich. Leistungsniveau und Lehrpläne der Bildungsgänge sind aber so unterschiedlich, dass ein Wechsel der Schule (soziales Umfeld) auch für intelektuell begabte Kinder ein Risiko darstellt.


     

Die zuständigen Administrationen (Kultus- Bildungsminister, Schulbehörden) kennen die Schwächen des traditionellen Schulsystems. Mit dem Einrichten eines kurs-orientierten Bildungskonzeptes vor vielen Jahren wollte man die Schwächen ausgleichen und den Kindern entgegenkommen.

 
Die Kooperative Gesamtschule

Mit einer vorgeschalteten Förderstufe hatte man die Vernormung der Kinder zwei Jahre hinausgeschoben. Der Unterricht der Nebenfächer findet im Klassenverband statt, für die Hauptfächer treffen sich die Kinder in Leistungskursen. So soll verhindert werden, dass bei Leistungsabfall das soziale Umfeld verlassen werden muss. Bei Leistungssteigerung können durch Kurswechsel höhere Ziele angestrebt werden. Das ist inzwischen nicht mehr so. Die beiden Wiesbadener Schulen haben sich dem traditionellen Schulsystem organisatorisch und konzeptionell weitgehend angeglichen. Sitzenbleiben, Klassen- und Gebäudewechsel mit allen beschriebenen Nachteilen. Es sind die drei traditionellen Bildungsgänge unter einem Dach.


 

Weiter gedacht wird bei den Integrierten Bildungskonzepten. Die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes, das Kennenlernen und die Auseinandersetzung mit dem persönlichen und gesellschaftlichen Umfeld machen das Kind häufig unsicher. In diesen für das Kind schwierigen Jahren steht weniger die Leistung, sondern mehr das Erfahren und Verstehen im Vordergrund. Die persönlichen Bildungsziele werden erst dann festgelegt, wenn der junge Mensch zu solchen Entscheidungen in der Lage ist.

  
Die Integrierte Gesamtschule (IGS)

Die Konzepte der fünf Wiesbadener IGS´n sind nicht gleich. Sie passen sich der Vielfalt der Kinder an, die sie besuchen. Aber einige Eckpunkte gehören zum Konzept. Der Unterricht im Klassenverband mit Leistungsstärkeren und -schwächeren, mit behinderten und nicht behinderten Kindern und Kindern unterschiedlicher ethnischer Herkunft soll durch gemeinsame Lern-Erfahrungen das gegenseitige Verstehen fördern. Die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und die individuellen Begabungen und Neigungen werden berücksichtigt. Förderung statt Auslese und kein Durchreichen von leistungsschwachen Kindern an Schulen mit niedrigerem Niveau. Das Konzept erlaubt Fehler und individuelles Lernen. Die AG´s und Projektgruppen verwischen die Leistungsgrenzen und motivieren die Kinder zu höherer Leistungsbereitschaft und sozialem Handeln. Die Klassen eines Jahrgangs werden von einem Lehrerteam betreut und bis zur 10. Klasse begleitet.

IGS - eine Schule, die sich als Lebens- und Erfahrungsraum für SchülerInnen versteht und sich nicht allein auf ihren Unterrichts- und Bildungsauftrag reduziert.


 

Die Eltern von Grundschülern sollen sich schon Gedanken machen, wem sie die weitere Ausbildung ihrer Kinder anvertrauen. Ein leistungsstarkes diszipliniertes Kind kann durchaus in einem traditionellen Bildungsgang zufrieden und erfolgreich zum Abschluss kommen. Denn die Integrierte Gesamtschule ist nicht die "Schule für alle Fälle". Sie ist die Schule für Kinder von Eltern, die die oben genannten Eigenschaften höher bewerten als den erfolgreichen Einsatz der Ellenbogen.