Doch noch eine Reformschule

Die Heinrich-von-Kleist-Schule wird ab dem Schuljahr 06/07 Reformschule
  

Die CDU lässt nicht locker: Reformschule auf Teufel komm raus. Versprechen und Ködern, dass sich die Balken biegen, auch auf die Gefahr hin, dass das Schulgesetz im nächsten Jahr ganz andere Vorgaben macht. Im nächsten SEP-Entwurf wird für das Schuljahr 05/06 die Heinrich-von-Kleist-Schule als Reformschule ausgewiesen werden. Die Schulkonferenz dieser Schule wird die Schulleitung bei einem entsprechenden Antrag unterstützen.

Der Leiter der Gerhard-Hauptmann-Realschule hat den Reformschulstatus abgelehnt, weil die jetzigen Vorstellungen des Schulträgers (Stadt Wiesbaden) nicht mit den "Signalen" aus dem letzten Herbst übereinstimmen. Seine Schule müsste erst Verbundene Haupt- und Realschule werden und auch  Hauptschüler aufnehmen. Er traut aber den verbalen Zusagen der Konservativen nicht mehr und fürchtet um seine Realschul-Klientel. Als Ausrede beklagt er sich jetzt, die Initiative ProIGS hätte ihm mit ihrer Aufklärung die Show vermasselt. Das ist falsch, und das weiss er auch.

Was sich hier in Wiesbaden immer deutlicher zeigt, ist die Flucht aus dem gegliederten Schulsystem. Wer immer kann, versucht, sein Kind vor der Gefällstrecke "Haupt/Realschule" zu bewahren (leicht zu gehen, allerdings nur nach unten). Da bleibt nur das Gymnasium, eine Privatschule oder eben die Integrierte Gesamtschule. Die Anmeldungen zu den Gymnasien haben zugenommen, die Privatschulen haben grösseren Zulauf und die Nachfrage nach Integrierten Gesamtschulen ist weiterhin ungebrochen. Doch das verwundert nicht, wenn man weiss, dass in Sachen Schulabschlüsse Wiesbaden mit Offenbach um den letzten Platz konkurriert.

Diese Entwicklung ist ausschliesslich das Ergebnis konservativer Schulpolitik. Komplizierte statistische Spielereien, die belegen sollen, dass mit weniger Lehrern mehr Unterricht mit besserer Qualität durchgeführt wird, ständiges Drehen an der Leistungsschraube für Schüler und Lehrer, knallhart sortieren und ständig kontrollieren. Und dazu kommt das Vorverlegen des Beginns der beruflichen Lebensplanung in die vierte Grundschulklasse. Wer hier den falschen Startblock erwischt, hat verloren, bevor er überhaupt angefangen hat. Daran ändert auch eine "Reformschule" nichts, da sie die sortierenden Strukturen des gegliederten Schulsystems beibehält, nur auf den niederen Bildungsweg (Haupt/Realschule) begrenzt. Und genau das haben die Eltern erkannt, weil sie nicht so dumm sind, wie ihre Volksvertreter sie gerne hätten. Diese "Volks"vertreter sollten eigentlich den Elternwillen umsetzen, stattdessen schrauben sie am Schulgesetz, um die Eltern weiter zu entmündigen.

Es ist befremdlich zu sehen, mit welcher Verbissenheit Fr. Wolff auf Landesebene und Fr. Scholz in unserer Stadt die gesellschaftlichen Entwicklungen ignorieren, um 85 Jahre alte konservative Werte-Vorstellungen doch noch zu installieren – das Gymnasium für die Etablierten, für alle anderen die Volks(Reform)schule. Die Schulen, die es sich leisten konnten, haben dieses Ansinnen dankend abgelehnt. Darum hat sich die Kultusministerin jetzt die schwächste aller Wiesbadener Schulen, die Kleist-Schule, für ihre konservativen Vorstellungen ausgesucht. Für diese Schule kann jede Veränderung nur eine Verbesserung ihrer Bedingungen bedeuten, und sie wird alles akzeptieren, was den Schul-Alltag für ihre Schüler und Lehrer erleichtert. Allein eine geringere Klassenstärke (max. 25) bringt für Lehrer und Schüler eine enorme Entspannung ihrer Situation. Da ist ein neues Konzept zweitrangig. Und so kommt die CDU im nächsten Jahr doch noch zu einer Reformschule. Mit Schulentwicklung hat das allerdings nichts zu tun.


16052004