| Man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben. (Albert Einstein) |
Patrick Körber am 13.10.2010 im "Wiesbadener Kurier" zur Schulsozialarbeit
| Es ist schwerer
geworden, zu unterrichten. Die Schüler sind andere, die Probleme sind
vielerorts größer geworden. Um den unterschiedlichen Bedürfnissen von
Kindern gerecht zu werden, reicht es heute nicht mehr, einfach nur zu
unterrichten. Das soziale Gefälle der Gesellschaft zeigt sich im
Klassenzimmer. Kinder und Jugendliche aus prekären familiären
Verhältnissen bringen ihre Konflikte, ihre Defizite und ihre
Frustrationen mit in die Schule. Deshalb ist es vernünftig, Lehrer
nicht mit all diesen Problemlagen allein zu lassen. Schulsozialarbeiter
können vieles auffangen, schwierige Schüler über Jahre begleiten und
aufbauen und versuchen, mit den Familien zusammenzuarbeiten. Dies ist
eine sinnvolle Investition in die Zukunft. Wenn sie noch Kinder und
Jugendliche sind, lassen sich Fehlentwicklungen bei Schülern leichter
korrigieren. Dieser Weg ist weit sinnvoller als zuzuschauen, wie einige Kinder, die keine Unterstützung von zu Hause erfahren, in ihrer Schullaufbahn scheitern. Mit Berufsvorbereitungsjahren sollen etwa Schulabbrecher fit für die Ausbildung gemacht werden. Das ist erstens teurer und zweitens zu spät. Es gilt stattdessen, früh anzusetzen. Deshalb ist es überhaupt nicht nachvollziehbar, dass die mittlerweile zerbrochene Koalition aus CDU, FDP und Grünen gegen die Einführung der Schulsozialarbeit etwa an der IGS Kastellstrasse stimmte. Ja, Schulsozialarbeiter kosten Geld. Aber junge Menschen, die wegen mangelnder Unterstützung und geringerer Bildungschancen nicht mehr in das Berufsleben integrierbar sind, kosten die Gesellschaft letztendlich weit mehr. |
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Dicker
Brocken
Christoph Risch am 29.09.2010 im "Wiesbadener Kurier" zur Schulreform in Hessen
| Keine Frage: In der
hessischen Schulpolitik hat sich manches zum Besseren gewendet. Ob es
hätte schneller gehen können, ob es hätte anders aussehen müssen,
darüber kann man trefflich streiten. Unbestritten ist dagegen, dass
sich die Regierung mit dem geplanten neuen Schulgesetz einen dicken
Brocken vorgenommen hat, ohne die bislang vorhandenen Baustellen wie
Ganztagsschule, 105-prozentige Lehrerversorgung oder die Reform der
Lehrerausbildung fertiggestellt zu haben. Es ist ein so dicker Brocken,
dass sich Kultusministerin Henzler daran verheben könnte. Als warnendes
Beispiel sollte ihr ihre Vor-Vorgängerin Karin Wolff dienen, die bei
der Einführung der Schulzeitverkürzung G8 zu viel zu schnell wollte
und damit einen Proteststurm erntete, der sie schließlich aus dem Amt
fegte. Henzler lässt es langsamer angehen, sie sucht anders als Wolff die Bereitschaft aller Beteiligten, die Pläne umzusetzen. Doch am Beispiel des gemeinsamen Unterrichts für behinderte und nicht behinderte Schüler wird deutlich, dass nicht alles bis zu Ende gedacht ist, was da geplant ist. Laut UN-Behindertenrechtskonvention muss dieser gemeinsame Unterricht die Regel und nicht die Ausnahme sein. Wenn Henzler nun sagt, es müssten die sächlichen, räumlichen, personellen und pädagogischen Voraussetzungen stimmen, macht sie den gemeinsamen Unterricht schon im Vorfeld zur Ausnahme. Der Regelfall kostet nämlich Geld. Da wird die Ministerin noch einmal nachlegen müssen. |
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Arme
Schüler brauchen Hilfe
Herkunft der Eltern entscheidet über den Zugang zum Gymnasium
Sabine Müller am 21.08.2008 in der "Frankfurter Rundschau" als Fazit aus der Sozialstudie in Wiesbaden
| Zweimal war der
Abschlußbericht der Mainzer Soziologen bereits im Wiesbadener Magistrat.
Zweimal
ist er wieder aus der Tagesordnung geflogen. Laut Sozialdezernent Arno
Goßmann (SPD) falle es der Jamaika-Koalition aus CDU, FDP und Grünen
"schwer", den Bericht "zur Kenntnis zu nehmen".
Dabei sind die Ergebnisse längst bekannt und wenig überraschend. Zum
einen decken sie sich mit den Erkenntnissen der Pisa-Studien. Zum
anderen stellte der Soziologe Alexander Schulze erste Ergebnisse der
Vollerhebung bereits vor einem Jahr in der Frankfurter Rundschau vor.
Zeitgleich erhielt das Sozialdezernat die Informationen.
Dieses hat inzwischen ein "erstes Fazit" aus der Studie gezogen. Kitas, Grundschulen und Sekundar-I-Schulen mit vielen armen Kindern müssen dringend besser ausgestattet werden, heißt es da. Personal, Räume, Material müssen her, um die gefährdeten Zielgruppen gezielt zu betreuen und zu fördern. Zudem sollten Projekte der Elternbildung weiter gestärkt werden. Auch raten die Experten im Sozialdezernat, das bereits existierende Kompetenz-Entwicklungs-Programm, das Hauptschüler und ihre Eltern direkt anspricht und weiter qualifiziert, auf arme Eltern und ihre Kinder auszuweiten. Ziel müsse es sein, dass alle Kinder die schulische Laufbahn erreichen, die ihren intellektuellen Potentialen entspricht - unabhängig von Herkunft, Einkommen oder Bildung der Eltern. Landessache sei es indes, für eine "Systemverbesserung der Schule" zu sorgen, die begleitend dazu unbedingt nötig sei. Das sieht auch Guido Seelmann-Eggebert so, Landesvorsitzender des Ganztagsschulverbandes und Stufenleiter der Hermann-Ehlers-Gesamtschule in WI-Erbenheim. Die Stadt könne allenfalls "Symptome" behandeln. Einen Ausweg aus dem "absolut unsozialen deutschen Bildungssystem" könne indes nur eine grundsätzliche Reform bringen. Vor der aber schrecken Bildungspolitiker trotz Pisa-Studien und Unesco-Rügen immer noch zurück. Mehr Bildungs-Gerechtigkeit kann es laut Seelmann-Eggebert nur über den Weg echter Ganztagsschulen geben. Pädagogische Mittagsbetreuung reiche nicht. Zudem müsse die Selektion nach der vierten Klasse aufhören, viel länger gemeinsam unterrichtet werden: "Die frühe Auslese schöpft Begabungen nicht aus", sagt er. Er kenne Schüler die mit Hauptschulempfehlung an die Hermann-Ehlers-Schule kamen und jetzt die Oberstufe besuchen. Dass Unterschichtkinder bei gleich guten Noten wie Oberschichtkinder dennoch oft keine Gymnasialempfehlung erhalten, ist für Seelmann-Eggebert nur logisch. Das gymnasiale System setzt auf die Unterstützung der Schüler durch die Eltern - sei es, dass diese bei den Hausaufgaben helfen oder die Nachhilfe finanzieren. Unterschichteltern können das nicht leisten. Deshalb raten Grundschullehrer in diesen Fällen zur Realschule. |
Von Thomas Krämer-Engemann am 11.07.1008 im "Wiesbadener Kurier"
zum Bericht der EU-Kommission über die Bildungsziele in den Mitgliedsländern
| Überspitzt
formuliert stellt sich die Lage unseres Bildungssystems etwa so dar: Die
im internationalen Vergleich schlechten Leistungen deutscher Schüler
beantworten wir erst mit der Verkürzung der Schulzeit, dann mit der
Streichung von Lerninhalten. Na bravo, darauf muss man erst einmal
kommen! Kein Wunder, dass zum wiederholten Male das bildungspolitische
Fallbeil auf uns heruntersaust, diesmal in Form einer EU-Studie, die uns
miserables Abschneiden bei der Zahl der Abiturienten bescheinigt.
Wie frühere Pisa-Tests richtet auch das neue Urteil den Blick auf den Schwachpunkt deutscher Schulpolitik: die Mittelstufe. Rufe nach längerer gemeinsamer Schulzeit aller Schüler in dieser kritischen Altersgruppe, in anderen, erfolgreicheren Staaten der Schlüssel zum Erfolg, verhallen hierzulande ungehört. Vor allem der Union ist die Schaffung von Bildungseliten wichtiger als die Vermittlung breiteren Wissens an breitere Schichten. Sie verhindert so parlamentarische Mehrheiten für ein Umdenken in diesem Punkt. Das Ganztagsschulsystem befindet sich erst im Aufbau. Die Schulzeitverkürzung wiederum ignoriert, dass mancher Schüler einfach mehr Zeit braucht, um einen bestimmten Entwicklungsstand zu erreichen. Die in Hessen beschlossene optionale Verlängerung der Oberstufenzeit von zwei auf drei Jahre ist ein Ansatz, aber auch nur den schwierigen Mehrheitsverhältnissen im Landtag geschuldet und formal mit der Festschreibung der zwölfjährigen Schulzeit erkauft. Was aber, wenn Deutschland dereinst das EU-Abiturientenziel erfüllt? Wenn dann mehr und möglicherweise auch nicht nur Top-Schüler an die ohnehin überfüllten Universitäten drängen? Universitäten, die sich liebend gerne nur die crême-de-la-crême aussuchen würden, um ihrer internationalen Reputation zu frönen, statt Breiten- und damit Kärrnerarbeit zu leisten? Dann spätestens werden sich die bildungspolitischen Sonntagsredner eingestehen müssen, dass man für bessere Bildung trotz knapper Haushalte noch mehr Geld in die Hand nehmen muss. |
Von Ulrike Trampus am 06.06.2006 im "Wiesbadener Kurier"
|
In jedem neuen Zeugnis, das dem deutschen Bildungssystem ausgestellt wird, stehen schlechte Noten. Nach Leistungsniveau und Chancengleichheit fällt jetzt eine erzieherische Maßnahme durch, die schon lange umstritten ist: das Sitzenbleiben. Teuer und pädagogisch nicht besonders sinnvoll sei es, bei ungenügenden Leistungen Schüler eine Klasse wiederholen zu lassen, stellen die Kultusminister in ihrem Bildungsbericht fest. Neu ist diese Erkenntnis nicht. Vielmehr ist es ein Beispiel, wie der Mechanismus funktioniert, den die Bildungsverantwortlichen nach der ersten PISA-Studie in Gang setzten und seitdem unverdrossen am Laufen halten. Es wird sehr viel Energie darauf verwendet, das deutsche Schulsystem in seine Einzelteile zu zerlegen. Diese werden überprüft, sehr viele als schadhaft identifiziert und dann doch wieder in das System eingebaut. Die Furcht, der ganze Apparat könnte zusammenbrechen, ist größer als der Mut, einen neuen zu konstruieren. So wird, nachdem das Sitzenbleiben eingehend unter die Lupe genommen und von allen Seiten betrachtet worden ist, auch dieser nachweislich weder für Schüler noch für den Staat nützliche Bestandteil des deutschen Schulapparates erhalten bleiben. So lange sich alle in Deutschland Verantwortlichen vor einer Generalüberholung drücken, werden die guten Noten weiterhin diejenigen einheimsen, die das System schon längst grundlegend reformiert - und bei dieser Gelegenheit übrigens auch das Sitzenbleiben abgeschafft haben. |
Von Matthias Friedrich am 12.06.2006 im "Wiesbadener Kurier"
zum Vorschlag der Bundes-Bildungsministerin, das "Sitzenbleiben" als Druckmittel gegen faule Schüler beizubehalten
|
Note Sechs, setzen, Frau Schavan! Wer das "Sitzenbleiben" als Sanktionsinstrument autoritätsgeschwächter Lehrer verteidigt, hat seine pädagogischen Förderziele schon an der Schultür abgegeben. Die Begründung für eine Klassen-Wiederholung darf doch allenfalls in Sinn und Nutzen für den Schüler liegen und nicht in der Arbeitserleichterung für den Lehrer. Zudem: der Pädagoge, der wirklich die Sitzenbleiber-Drohung zur Wahrung der Disziplin und Durchsetzung der Lernziele bräuchte, der hätte seine Autorität schon längst verloren. Man
mag die Wiederholung im Ausnahmefall zum Wohl des Schülers beibehalten, etwa um
ihn vor Überforderung zu schützen, ihm mehr Zeit zu geben. Wenn aber im
Schnitt jeder Vierte in Deutschland "kleben bleibt", kann von Ausnahme
nicht die Rede sein. Unter solchen Umständen verkommt die Nichtversetzung zur
Selektion. Auf schwache Leistung folgt die berüchtigte Ehrenrunde - statt der
gezielten Förderung. Und genau diese mangelnde Förderung der Schwächeren
macht einen Hauptteil der PISA-Kritik am deutschen Bildungssystem aus. Frau
Schavan ist zugute zu halten, dass die Wiederholer-Quote in Baden-Württemberg,
wo sie lange als Kultusministerin Verantwortung trug, am niedrigsten ist. Dort
gibt es auch die Möglichkeit, über Nachprüfungen doch noch die Versetzung zu
erreichen. Nötig wären freilich viel frühere Schritte. Was passiert denn von
Schule wegen, wenn im Halbjahreszeugnis der Vermerk "Versetzung
gefährdet" steht? Meistens gar nichts - ausser privaten Nachhilfestunden,
wenn denn die Familie des Delinquenten wohlhabend und/oder interessiert genug
ist. Nur ein gerade erst in den Kinderschuhen steckendes Tutoralsystem weist
hier den Weg, den andere Länder schon lange gehen. Es wäre nicht einmal
teurer, denn die scheinbar billige Sitzenbleiber-Lösung kostet den Staat wegen
der längeren Schulverweilzeiten jährlich Zigmillionen. |
Schüler dürfen dem reformfaulen Bildungssystem nicht länger geopfert werden
|
Bildung
spaltet. Das müssen in diesen Tagen erneut rund 250000 Schüler erleben. So
hoch jedenfalls war in den vergangenen Jahren stets die Zahl der Sitzenbleiber
in Deutschland. Während die Mehrheit der Schüler unbeschwert in die
Sommerferien gehen kann, beenden sie das Schuljahr mit einem Zeugnis des
Versagens: Sie sind nicht würdig, in die nächsthöhere Klasse aufgenommen zu
werden. Dabei ist die
Klassenwiederholung pädagogisch fragwürdig. Dem schwachen Schüler wird nicht
geholfen, indem man ihn aus der Klassengemeinschaft reißt und ihm das Stigma
des Scheiterns anheftet. Trost spenden kann dem Zurückgestellten allein der
Umstand, dass diese Praxis lange Tradition hat – mit prominenten
Sitzenbleibern von Thomas Mann bis Edmund Stoiber – und er meist nicht der
Einzige in der Klasse ist, der ein Jahr länger zur Schule gehen muss. Denn kaum ein
anderes Schulsystem produziert so viele Wiederholer wie das deutsche. Jeder
vierte Schüler bleibt bis zur zehnten Klasse einmal hängen. Weitere zehn
Prozent werden vor ihrer Einschulung um ein Jahr zurückgestellt, bleiben also
sitzen, bevor die Schule überhaupt begonnen hat. Dass es beim Sitzenbleiben
formal mit rechten Dingen zugeht, dafür sorgen umfangreiche
Versetzungsordnungen. Allein das Regelwerk für die baden-württembergischen
Gymnasien umfasst fünf Seiten. Der Aufwand wäre
gerechtfertigt, wenn das Sitzenbleiben die fachlichen Leistungen der Schüler
verbesserte, ihre Motivation stärkte. Das Gegenteil ist meist der Fall.
Untersuchungen verweisen darauf, dass die Klassenwiederholung außer einer künstlichen
Verlängerung der Ausbildungszeit wenig bringt. In den Fächern, an denen er
gescheitert war, verbessert sich der Schüler nur kurzfristig. In den anderen
Disziplinen schaltet er gelangweilt ab. Warum soll er auch Physik wiederholen,
wenn er in Englisch schlecht ist? Eine europäische Studie kommt deshalb zum
Schluss, "dass die negativen Folgen des Sitzenbleibens gegenüber den zu
erwartenden Vorteilen bei weitem überwiegen". Aber, wenden
die vielen Befürworter des Sitzenbleibens ein, die Schule soll aufs Leben
vorbereiten. Und da gehe es um Erfolg und Misserfolg, zählten Leistung und
Wettbewerb. Als ob Japan und England, Schweden und Finnland keine
Leistungsgesellschaften wären! Diese Länder haben das Sitzenbleiben weitgehend
abgeschafft und damit den Lehrern die Möglichkeit genommen, Problemschüler
nach unten weiterzureichen. Bei allen internationalen Schulvergleichen schneiden
sie weit besser ab als die Deutschen. Hinter der
deutschen Leidenschaft für das Aussortieren in der Schule steckt ein
besonderes Verständnis von Lernen und Unterrichten – bei Pädagogen, Eltern,
ja bei den Schülern selbst. Nicht aus Neugier lernt man, sondern allein für
die Klassenarbeit, die Note im Zeugnis. Warum sollte der Schüler sich
anstrengen, so die Logik, wenn kein Sitzenbleiben mehr droht? Nimmt man zur
Wiederholerquote noch die Zehntausende von Schulabsteigern hinzu, die nach den
Ferien in eine niedrigere Schulform wechseln müssen – der umgekehrte Weg
kommt kaum vor –, vervollständigt sich das Bild einer Schule, die auf das
Scheitern setzt. Infolge der
Pisa-Studie geschieht neuerdings einiges, um mit der Kultur des Aussonderns und
Abschiebens zu brechen. Bremen, das Bundesland mit den meisten Sitzenbleibern,
bietet eine Sommerschule an, die versetzungsgefährdeten Schülern zum Sprung in
die nächste Klasse verhilft. In Bayern, Nordrhein-Westfalen oder
Rheinland-Pfalz sollen Nachprüfungen die Sitzenbleiberquote senken. In Berlin
und Schleswig- Holstein müssen die Lehrer für Schüler mit schlechten Noten
einen Bildungsplan entwickeln, damit sie das Klassenziel erreichen. Preiswerter,
wie manche glauben, ist die neue Politik nicht. Die Mittel, die man durch
weniger Sitzenbleiber übrig hat, werden nicht ausreichen, um die notwendige
individuelle Förderung zu finanzieren. Freilich fehlt nicht Geld in erster
Linie, sondern der Wille, eine andere Lernkultur zu schaffen. Die Zeiten, in
denen sich Schulen mit einer hohen Sitzenbleiberquote als Merkmal besonderer
Qualität brüsten, mögen auch in Deutschland zu Ende gehen. Das Sitzenbleiben
ganz abzuschaffen wagt bislang jedoch niemand. |
Gesamtschulen müssen jedes 3. Kind abweisen
NRW: Spürbar gestiegene Nachfrage nach der PISA-Studie / von Sigrid Krause WAZ Essen.
|
Die
Gesamtschulen in NRW stehen vor einem großen Problem: Fast jedes dritte Kind,
das zum neuen Schuljahr angemeldet ist, wird dort keinen Platz bekommen. Das
sind fast 14 000 Viertklässler.
Auch
dies ist für Manfred Jaeger, Schulleiter und Vorsitzender der Gemeinnützigen
Gesellschaft Gesamtschule e.V. (GGG), eine Folge der Pisa-Studie: Viele Eltern hätten
sehr wohl registriert, dass es in den Spitzenländern der Pisa-Studie
integrierte Schulsysteme gibt, in denen die Kinder bis Klasse 8 oder 9 gemeinsam
lernen. "Dort kennt man unser System gar nicht, in dem die Kinder schon
nach der Klasse 4 auf Haupt-, Real-, Gesamt-, Sonderschule oder Gymnasium
verteilt werden." Erkennbar mehr Kinder seien in diesem Jahr zur
Gesamtschule angemeldet worden, die sonst eher direkt zum Gymnasium gewechselt wären.
"Die Eltern sehen sich offenbar genau an, was in anderen Ländern besser
funktioniert." Die
Gesamtschule Olfen liegt voll in diesem Trend: 227 Kinder (Vorjahr: 147) wurden
für die 120 Plätze angemeldet, darunter deutlich mehr leistungsstärkere
Kinder als bisher. Mülheim steht vor einem Run auf diese Schulform: 727 Kinder
(2002: 707) wurden zu den drei Gesamtschulen gemeldet, die 430 Kinder aufnehmen.
[ © Westdeutsche Allgemeine, 23.04.2003 ] |
PISA-Sieger verstehen nicht, wie hier zu Lande mit den Talenten umgegangen wird
Der Deutsch-Koordinator der finnischen Regierung, Rainer
Domisch, empfiehlt
die Übernahme des finnischen Modells.
|
"Warum
nicht“, lautet die schlichte Antwort von Rainer Domisch auf die Frage,
ob das finnische Schulmodell so einfach auf Deutschland übertragbar wäre.
Auch die Finnen, erzählt er, hätten etwa in Helsinki Schulen mit hohem
Ausländeranteil und Kindern in ähnlicher sozialer Zusammensetzung wie
in deutschen Großstädten. Und auch in Finnland habe es, bis vor rund
30 Jahren, ein Schulsystem wie in Deutschland gegeben: Dreigliedrig, mit
früher Aufteilung auf Haupt-, Realschule und Gymnasium, mit einem
Lehrer pro Klasse im traditionellen 45-Minuten-Unterrichtsrhythmus.
Die
umfassende Reform Anfang der 70er Jahre habe zwar für die finnischen
Lehrer zunächst eine "schwierige Zeit“ bedeutet, gibt Domisch
zu. Aber heute, sagt er, "will niemand mehr zurück" - auch
nicht die Konservativen. Und das liegt nicht nur an der weltweiten
Anerkennung für das finnische System, seit die Pisa-Studien offenbart
haben, dass es Schüler mit den besten Leistungen hervorbringt, während
Deutschland abgeschlagen auf hinteren Plätzen dümpelt.
"Wie
könnt ihr euren Kindern so etwas antun“, sei die häufigste Frage,
wenn er jungen finnischen Kollegen das deutsche Schulsystem erkläre,
sagt Domisch. Die könnten nicht verstehen, dass schon Zehnjährige nach
der vierten Klasse getrennt und in verschiedene Schulen einsortiert würden.
Die Erfahrung "Du gehörst nicht zu uns, Du musst zu den
Schlechteren“ müsse für die Kinder traumatisch sein. "Warum
geht ihr so schlecht mit euren Begabungen um“, frage man in Finnland.
Rainer Domisch kennt beide Systeme gut: Er ist in Deutschland geboren, hat das Schulsystem durchlaufen, als Deutsch- und Englischlehrer gearbeitet, bevor er nach Finnland ging. Bei einer Veranstaltung der SPD-Landtagsfraktion am Donnerstagabend ließ er keinen Zweifel, welches System er für das effizientere, menschlichere, erfolgreichere hält: "In Finnland hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Schule für die Kinder da ist, nicht umgekehrt“, sagt er. In jedem Kind stecke eine Begabung. "Und es ist Aufgabe der Schule, diese zu finden und zu fördern.“ Damit das gelingt, müssten auch individuelle Defizite von Eltern, Lehrern und Schülern gemeinsam und "ohne Angst" herausgearbeitet und benannt werden, sagt Domisch.
Alle lernen gemeinsam
Sitzenbleiben
gibt es in Finnland nicht, auch nicht die Möglichkeit für Lehrer,
schwierigere Kinder wie in Deutschland einfach auf eine niedrigere
Schulform zu verweisen. Alle lernen gemeinsam bis zum Ende der neunten
Klasse. Aber auch mit der deutschen (kooperativen) Gesamtschule habe das nicht viel zu
tun. Statt auf leistungsdifferenzierte A-, B- und C-Kurse setze man auf
ein System, in dem sich Schüler gegenseitig helfen, auch jahrgangsübergreifend.
Die Lehrer arbeiten nicht jeder für sich abgeschottet im Klassenraum,
sondern oft fächerübergreifend im Team. Und zu diesem Team gehören
auch Psychologen, Sozialpädagogen und Therapeuten, die bei Bedarf
gezielt mit einzelnen Kindern arbeiten.
Diese
Teamarbeit erinnert an das Konzept des Verbandes der hessischen
Unternehmerverbände (VhU), das auf eine stärkere Autonomie der Schulen
setzt. "Lehrer müssen sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können“,
forderte der VhU-Bildungsexperte Jörg E. Feuchthofen bei der
SPD-Veranstaltung, "und das ist das Unterrichten“. Für die
therapeutische und psychologische Unterstützung müssten Experten
zuarbeiten. In welcher Schulform dies stattfinde, sei der Wirtschaft
relativ egal, sagt Feuchthofen, aber die Ergebnisse müssten stimmen.
Das jedoch, räumt der Unternehmervertreter ein, sei im dreigliedrigen
System derzeit nicht der Fall: Die Aufteilung auf die Schulformen
funktioniere nicht, eine riesige Zahl von Kindern werde auf falsche
Schulen geschickt, "wir haben enorme Rücklaufquoten“. Wenn sich
das nicht verlässlich ändere, "muss schon an der Glaubwürdigkeit
des gegliederten Schulwesens gezweifelt werden.“
Andere zweifeln da längst. "In Finnland“, sagt Schulexperte Domisch, "haben wir in letzter Zeit nicht nur viel Besuch von Deutschen, sondern auch von Chinesen.“ Doch während in Deutschland auch drei Jahre nach dem Pisa-Schock heftig um Reformen und Reförmchen innerhalb des Systems gestritten wird, hat die aufstrebende Wirtschaftsmacht im Fernen Osten entschlossen gehandelt, berichtet Domisch: "Die führen jetzt das finnische System ein - im ersten Schritt an gleich 17000 Standorten.“
Matthias Bartsch in der Frankfurter Rundschau am 27.11.04 |
Nur geringe Chancen
auf einen Ausbildungsplatz / Arbeitsämter empfehlen vor der Berufswahl ein
Praktikum
Von unserem Mitarbeiter Joachim Atzbach am 12.07.2003
|
Tim S.
(17) möchte nach seinem Hauptschulabschluss eine Bäckerausbildung beginnen.
Was auf den ersten Blick eine klare Angelegenheit zu sein scheint - im
klassischen Handwerk bestehen nach wie vor gute Chancen auf einen
Ausbildungsplatz - entpuppt sich nach einem Blick in Tims Akte plötzlich ganz
anders: Nach einem Zwischenfall hatte er mit mangelhaften Noten die 9. Klasse
der Hauptschule verlassen müssen. Zwar hat er inzwischen im Rahmen des
Berufsvorbereitungsjahres den Abschluss nachgeholt, ist aber danach mehreren
Terminen des Arbeitsamtes unentschuldigt ferngeblieben. Im Fragebogen hat er als
Hobbys genannt: Musik hören, Partys, Schlafen. Susanne van Rijn,
Ausbildungs-Teamleiterin beim Mainzer Arbeitsamt, schaut etwas ratlos:
"Obwohl ich nicht generell sagen kann, dass die Jugendlichen mit Illusionen
zu uns kommen, da haben schon erhebliche Einsichtsprozesse stattgefunden."
Trotzdem scheint es sich noch nicht bei sämtlichen Betroffenen, besonders bei
Hauptschulabgängern, herumgesprochen zu haben, wie ernst in diesem Jahr die
Situation wegen fehlender Ausbildungsplätze ist. Gabriele Fischer, Teamleiterin
im Wiesbadener Arbeitsamt, beklagt einen branchenweiten Rückgang von 13,7
Prozent, wovon in Wiesbaden durch den Wegfall der Ploenzke-Ausbildungsplätze
nicht einmal die IT-Plätze ausgenommen sind. Ihr Bad Kreuznacher Kollege Edmund
Bürner spricht angesichts eines Stellenminus von 19 Prozent von einer äußerst
schwierigen Situation. In Worms, wo sich die Situation traditionell schlechter
als im Umland darstellt, hat allein der Rheinmöwe-Konkurs 28 Ausbildungsplätze
gekostet. "Da die meisten Wormser Hauptschüler keine Lehrstelle finden,
werden sie weiterführende Schulen besuchen", nennt Arbeitsvermittler Franz
Schlink die Konsequenz. Für Mainz schildert Susanne van Rijn ein ähnliches
Szenario: "So extrem wie in diesem Jahr war der Andrang an weiterführende
Schulen noch nie. Allein an der Stresemann-Wirtschaftsschule, wo Hauptschüler
den Realschulabschluss nachholen, könnten in diesem Jahr sechs Eingangsklassen
statt bisher vier eingerichtet werden." Im Bezirk Bad
Kreuznach wird trotz aller Bemühungen ein Teil der jungen Leute weitersuchen müssen.
"Erst mit Hilfe des Jugendsofortprogramms werden wir etwa 95 Prozent
unterbringen", schildert Bürner die Situation an der Nahe. In Worms
versucht Schlink, Schulabgänger in Lehrgängen unterzubringen: "Um die
Marktchancen zu verbessern." Ähnlich sieht Fischer die Lage in Wiesbaden:
"Dann ist die Position des Bewerbers günstiger." Nur der Bezirk Mainz
scheint eine Ausnahmestellung zu haben. "Wer engagiert mit unseren Maßnahmen
mitzieht und auch zu Alternativen bereit ist, hat die hundertprozentige Chance
auf einen Ausbildungsplatz", sichert van Rijn jedem Bewerber zu. |
Der fällige Tabu-Bruch / von Jörg Feuck
| Das
Ergebnis muss alle kultuspolitischen Scharfmacher sprachlos machen, die von
Leistungsfeindlichkeit und Kuschelpädagogik faseln: In der internationalen
Grundschul-Lese-Studie Iglu schneiden die deutschen Viertklässler sehr
ordentlich ab. Ausgerechnet die finanziell am schlechtesten ausgestattete, aber
pädagogisch flexibelste Schulform, die Gesamtschule für alle kleinen Kinder,
funktioniert gut. Dass die Politik daraus mutige Schlüsse zieht, ist mehr als
zweifelhaft. Eher dürfte jetzt die Neigung wachsen, die Befunde der Pisa-Studie
zu relativieren, kleinzureden und zu diskreditieren. Was die Kultusminister der
Länder schon kräftig tun. Sie düpieren die Pisa-Wissenschaftler, die das
Material noch immer drehen und wenden. Egal, was die Forscher als Misere offen
legen, die Kleinstaat-Fürsten sehen sich in ihrem jeweils eingeschlagenen Kurs
bestätigt. Als ob sie Erfolgs-Storys vorzuweisen hätten. Ist es so schwierig, das durch Pisa ausgestellte und durch Iglu verschärfte Armutszeugnis zu kapieren? Das föderal und in zig Schultypen zersplitterte deutsche Bildungssystem ab Klasse 5 ist im internationalen Vergleich durchweg krass ungerecht, absolut mittelmäßig, reichlich beliebig. Seine Leistungen sind schwach - von Mecklenburg-Vorpommern bis Bayern. Aber es regiert stures Verweigern und Angst vor einschneidenden Konsequenzen: Bloß nicht die bestehenden Schulstrukturen antasten, beten die Kultusminister von Union und SPD unermüdlich herunter. Von wegen. Rollen rückwärts sind erlaubt. Bildungsforscher haben jüngst zusammengetragen, was seit einem Jahr in den Ländern im Namen von Pisa passiert - einerseits punktuelle Verbesserungen in Grundschulen (Diagnostizieren und Fördern von Sprachfähigkeit, flexibler Schulanfang), andererseits ausnahmsloses Anziehen des Drucks ab Klasse 5 durch neue Verordnungen. Die CDU/FDP-Koalition in Niedersachsen zum Beispiel kehrt gerade zum streng gegliederten Schulsystem zurück. Harte Auslese nach der Grundschule. Nun kann sich die große Allianz der so gern nach "Begabung" in Hauptschule, Realschule und Gymnasium Sortierenden nicht mehr auf den deutschen Pisa-Chef Jürgen Baumert berufen. Der wird allmählich ungehalten ob des strengen Schubladendenkens. Es sammelt sich eine Koalition der Nein-Sager: Der Unternehmens-Boss von McKinsey zählt dazu, die Bertelsmann-Stiftung, Kommissionen der Böll- und Böckler-Stiftung, der Handwerkstag Baden-Württemberg, Pisa-Verantwortliche bei der OECD, Gewerkschaften und Arbeitgeberverband. Sie verlangen radikale Reformen. Sie sagen, dass sie den deutschen Sonderweg des frühen Aufteilens der Schüler für verhängnisvoll halten. Pisa stärkt ihnen den Rücken: Die Studie entlarvt das eisern tabuisierte gedankliche Fundament des deutschen gegliederten Schulwesens als Einbildung. Der Kernsatz, ohne das Ein- und Aussortieren würden Schüler nicht zu optimalen Leistungen beflügelt und angemessen gefördert, ist schlicht falsch. Nur Leistungsstärkere unter sich spornen sich nicht an, nur Leistungsschwache unter sich bleiben beim Lernen zurück. Hier wie dort werden Potenziale vergeudet. Die Pisa-Siegerstaaten beweisen in ihren Einheitsschulen für alle Kinder, dass man sich nicht gegenseitig behindert, sondern voneinander profitiert. Hohes Niveau und Abmildern sozialer Benachteiligung - das geht zusammen. Aber die Kultusminister drücken sich. Sie schweigen beredt zu dem Pisa-Befund, dass ziemlich oft die "falschen" Schüler den einzelnen Schultypen zugewiesen werden. Und dass besonders Gymnasien hilflos gegenüber "Leistungsheterogenität" sind - und sich "großzügig" der Mittel "Klassenwiederholung und Rücküberweisung an andere Schulformen" bedienen. Die Kultusminister - die Union forsch drängend, die SPD hinterherstolpernd - flüchten sich in raffiniertere Formen, um die Auslese zu verfeinern: Mit Hilfe neuer Bildungsstandards, nach Schultypen und Lehrplänen geordnet, durch ständiges Testen geeicht. Anziehen der Zügel ist die Antwort darauf, dass Kindern aus unteren sozialen Schichten der Bildungsaufstieg verwehrt bleibt, die Förderung von Migrantenkindern missachtet wird, jeder zehnte Jugendliche ohne Schulabschluss geht. Der Tabu-Bruch ist fällig: Es braucht eine neunjährige Regelschule für alle Schüler. Ganztägig, mit anderen Unterrichtsformen, mit aufgeschlossenen Lehrern. Der Handwerkstag Baden-Württemberg fordert die neunjährige Grundschule. Das sind doch keine Phantasten. |
Worauf warten wir noch?
Von
Reinhard Kahl
Der „Pisa-Schock“ liegt anderthalb Jahre zurück,
doch die Reformen kommen nur langsam in Gang.
Eine Rundreise durch die deutsche Bildungslandschaft
|
Denkt
man an die deutsche Schule, dann könnte einem der Stoßseufzer kommen,
„McKinsey, bitte übernehmen sie!“ Bieten die Organisationstherapeuten der
Wirtschaft tatsächlich Auswege aus der deutschen Krähwinkelei? Wir wollen es
im Stuttgarter Literaturhaus herausfinden. Es ist die erste Station einer
Rundreise durch die Bildungslandschaft vor den großen Ferien. Trotz 34
Grad und drückender Schwüle im Stuttgarter Kessel ist der Saal gut gefüllt. Jürgen
Kluge, der Chef von McKinsey, einer der begehrtesten Unternehmensberater im
Land, stellt sein Buch über die Bildungsmisere vor. Eene meene muh und raus
bist du! steht auf dem Cover. Der Abzählvers beschreibt den Geist in vielen
Klassenzimmern. Kluge wird ganz ernst. „Wenn wir so weitermachen, werden wir
ausgezählt.“ Auf die Wissensgesellschaft seien wir, die Weltmeister des
Industriezeitalters, schlecht vorbereitet. „Lernen ist doch in aller Regel ein
Glücksgefühl“, schwärmt er. Das Humankapital dürfe man nicht mit
angedrohtem Versagen einschüchtern und nicht mit angedrohtem Ausschluss
vergiften. Eine
Schule, die nicht demütigt, wird Schüler entlassen, die später etwas wagen.
Der deutsche McKinsey-Chef argumentiert natürlich mit den Interessen der
Wirtschaft. Dort allerdings hat sich in den letzten Jahrzehnten etwas
Grundlegendes verändert. Wertschöpfung ist mehr und mehr auf Wertschätzung
angewiesen, denn Selbstbewusstsein ist eine Produktivkraft. Die Wissensökonomie
folgt anderen Gesetzen als die der industriellen Eisenzeit. „Wir sind
international nur noch in der Automobilindustrie Spitze“, mahnt Kluge. „Höchstens
zehn Jahre bleiben uns noch, das Ruder rumzureißen.“ Und was
soll man tun? Erstens: Auf den Anfang kommt es an. Vier Milliarden in die
Vorschule. Dort verzinsen sich Investitionen am höchsten. Zweitens: Selbstständigkeit
für alle Schulen. Sie steigere Intelligenz und Handlungsfähigkeit einer jeden
Organisation und stecke auch die Schüler damit an. Drittens, als Gegenpol zur
Selbstständigkeit: Standards und Rechenschaftspflicht. Diese Kombination biete
auch Auswege aus dem vormodernen gegliederten Schulsystem. Außerdem „die
Studiengebühren im Kindergarten“ streichen, sie aber für Studenten einführen
und schließlich: all die guten Vorschläge, die seit Pisa gemacht worden sind,
auch realisieren. Man müsse doch nicht lange um Standards streiten. „Warum
nimmt man nicht die von Pisa entwickelten Kompetenzen?“, fragt Jürgen Kluge.
Die seien außerdem international. Worauf warten wir eigentlich noch? Jedenfalls
nicht unbedingt auf den erlösenden Anruf aus der Kultusministerkonferenz (KMK).
Aber das Hessische Kultusministerium ist auf dem Anrufbeantworter. Es ist
Freitagabend, und auf dem Band heißt es: „Dienstag, 15 Uhr, will Frau Wolff,
die Präsidentin der KMK, in Berlin erste Entwürfe für Bildungsstandards erläutern.“
Plötzlich so eilig? Just am Dienstagnachmittag sind wir in Berlin ein paar Straßen
weiter schon im Bundesbildungsministerium verabredet und fragen dort, was wird
die KMK denn verkünden? „Wie, was, die KMK?“, stutzen die Gesprächspartner.
Es wird nervös herumtelefoniert, aber niemand weiß etwas von einer
Pressekonferenz, auf der die Standards vorgestellt werden. Ob denn einfach
jemand hingehen soll? Aber ganz ohne Einladung traut man sich doch nicht. So
also fühlt sich deutsche Bildungspolitik von innen an. Der
letzte Religionskrieg
Ein paar
Stunden später, inzwischen in Hildesheim. Ins vornehme Tagungshotel Méridien
hat die Bertelsmann Stiftung gerufen. Sie bringt jährlich hochrangige Vertreter
aus den Kultusministerien zusammen. Gespräche ohne Protokoll und Presseerklärung.
Auf der zweiten Ebene funktioniert die Verständigung einigermaßen. Diese Gesprächsnetze
will die Stiftung stärken. Dazu eingeladen sind diesmal Rita Süssmuth, die vor
ihrer politischen Karriere Professorin für Erziehungswissenschaft war, und
Andreas Schleicher, der allgegenwärtige internationale Pisa-Koordinator. Der
hat 370 Seiten noch unveröffentlichte neue Pisa-Auswertungen in der von allen
beäugten Aktentasche. Außerdem sind Bildungsexperten aus Kanada, Finnland und
Neuseeland angereist. Abends
um sieben, bei der Besichtigung des Doms, klingeln Handys. Frau Wolff habe jetzt
die Entwürfe für Bildungsstandards an die Presse gegeben. „Aber die sollen
doch erst in zwei Tagen vom Schulausschuss der Kultusministerkonferenz als Entwürfe
beraten und zur Diskussion gestellt werden“, sagt ein Referent aus einem CDU
geführten Ministerium. „Was soll der Coup?“ Kopfschütteln. Keiner der ausländischen
Gäste versteht die sich beim Wein anschließenden deutschen Debatten. Überall
ist Bildung ein Gemeinschaftsfeld der Politik. In Deutschland ist es der letzte
Religionskrieg, der uns geblieben ist und den Bundesländern eine Art Hackbrett
für die Profilierung der Parteien. Am nächsten
Morgen nimmt Rita Süssmuth kein Blatt vor den Mund: In Deutschland werde Pisa
benutzt, um Recht zu haben und alles beim Alten zu lassen. Basta! Sie klingt wütend
und doch nicht ganz pessimistisch. Ihre Hoffnung sind die Schulen selbst. Ihr
Appell: „Strukturen von innen aufbrechen!“ Am selben Tag verabschiedet das
Parlament in Hannover ein neues Schulgesetz. Es wird danach keine neuen
Gesamtschulen mehr geben. Auch keine kooperativen Haupt- und Realschulen. Es
soll so werden wie in Bayern, sagt Kultusminister Bernd Busemann (CDU). So wie
in Bayern? In Bayern ist fast alles anders, vor allem anders, als man denkt. Zum
Beispiel bekommen jetzt an der Volksschule in Lochhan Hauptschüler und
Gymnasiasten einen Teil des Deutschunterrichts gemeinsam, und die Lehrerin
Barbara Bittner sagt, sie könne gar nicht erkennen, wer aus der Hauptschule und
wer aus dem Gymnasium komme. Im Max-Born-Gymnasium in Germering unterrichten
Elftklässler in Französisch ihre Mitschüler aus der Klasse acht. Die Schülerin
Carina Finger aus der Realschule in Neusüß sagt über den auch dort veränderten
Unterricht: „Man findet es selber raus, und dabei hat man’s schon
gelernt.“ Das alles hört und sieht man in München beim Internationalen
Bayerischen Schulkongress. Das große Thema heißt Innovation. Die
Bildungsexpertin Riitta Piri aus Helsinki erklärt, dass Vertrauen der Motor der
finnischen Schulreform sei. Berichte aus der Schweiz und den Niederlanden,
zeigen, dass die Schulwelt überall in Bewegung geraten ist. Immer in die
gleiche Richtung: den Schulen Selbstständigkeit geben und sie zur Verantwortung
ziehen, aber den bösen, misstrauischen Blick nicht mit ins 21. Jahrhundert
nehmen. Der Hirnforscher Manfred Spitzer erklärt, warum Lernen in schlechter
Atmosphäre nicht gelingt. „Wie viel Selbstverwaltung braucht die Schule?“,
fragt Kultusministerin Monika Hohlmeier, und natürlich ist die Frage
rhetorisch. Sie weiß, dass Selbstverwaltung wirksamer ist, aber kann sie das
auch schon in der CSU durchsetzen? Die „Marketingfachfrau“ (FAZ) beherrscht
den Spagat. So genannten Modus-21-Schulen wird großer Spielraum eingeräumt.
Der Kongress infiziert die bayerische Provinz mit der ansteckenden Gesundheit
aus den erfolgreichen Ländern. Aber alles erst mal homöopathisch. Hohlmeiers
eigene Kinder gehen ja auch zur Waldorfschule. Und am selben Tag, an dem der
Kongress internationalen Wind nach Bayern bringt, verabschiedet das
Kultusministerium den Erlass, dass fortan in der zweiten Klasse in Bayern wieder
Noten gegeben werden. Einen weiteren Tag später, vielleicht erklärt das ja
was, stellt sich Monika Hohlmeier in der Münchner CSU als Vorsitzende zur Wahl.
Teamwork
und Selbstständigkeit
Vier
Tage nach dem Kongress eilt Monika Hohlmeier nach Coburg. Ein Schüler hat auf
eine Lehrerin und dann auf sich selbst geschossen. Man sollte sich nicht
verleiten lassen, ebenfalls zu schießen – als argumentatives
Schnellfeuergewehr. Aber die Kugeln erinnern an einen Satz des Reformpädagogen
Hartmut von Hentig. „Letztlich reduziert sich doch alle Pädagogik auf das
Generationenverhältnis.“ Das
beweist auch die empirische Forschung, allen voran Pisa. Am Tag vor den Coburger
Schüssen stellte Andreas Schleicher in London die Ergebnisse von elf
Entwicklungsländern vor, die nachgetestet wurden. Asien setzt sich mit China
und Hongkong an die Spitze. Lateinamerika verelendet. Man denkt an Jürgen
Kluge: „Die Bildungszahlen von heute sind die Wirtschaftszahlen von morgen.“
[ © Die ZEIT, 10.07.2003 ] |
Der Matthäus-Effekt
Braucht Deutschland eine Gesamtschule? Von Jürgen Oelkers
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Auch
nach PISA ist in Deutschland keine Diskussion entstanden, die die
Demokratisierung der Schule zum Thema hätte, obwohl – oder weil – gerade
die Daten der PISA-Lesestudie darauf verwiesen, dass der wesentliche Effekt der
deutschen Schule auf Benachteiligung oder Bevorzugung durch Herkunftsmilieus
hinausläuft. Nirgendwo
ist die Spreizung zwischen den besten und den schlechtesten Leistungen der Schüler
derart groß wie in Deutschland, und nirgendwo ist die soziale Herkunft
einflussreicher. Man ist nachhaltig an den Matthäus-Effekt der Soziologie
erinnert, wer hat, dem wird gegeben, wer nichts hat, dem wird genommen. Die
beiden zentralen Reformthemen in der nationalen Reaktion auf PISA sind
Ganztagsschulen und nationale Bildungsstandards, also mehr Zeit und striktere
Anforderungen unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass mehr vom Gleichen
die beste Lösung sein wird. Aber die Schulqualität entsteht in einem
bestimmten System; wenn die Qualität als ungenügend angesehen wird, müssen
die Ursachen im System gesucht werden. Der
internationale Vergleich macht deutlich, dass die besten Bildungssysteme über
qualitative Unterscheidungsmerkmale verfügen. Es handelt sich um Gesamtschulen
mit einem Tagesangebot, die über einen hohen Betreuungsaufwand verfügen,
gezielt Förderungen anbieten, die nicht selektiv sind und gleichwohl hohe
Leistungen erzielen.
Die
deutsche Bildungsadministration weicht der Systemfrage aus und will die
Effizienz des bestehenden Systems verbessern, was immer dann gesagt wird, wenn
etwas unangetastet bleiben soll. Das hat historisch gesehen Methode, denn die
Etablierung einer Gesamtschule für alle Kinder ist in Deutschland zweimal
gescheitert, nach 1918 und nach 1945. Die Einführung
der Grundschule im Anschluss an die Reichsschulkonferenz 1920 war
gleichbedeutend mit der Reduktion der gemeinsamen Verschulung auf den kleinsten
gemeinsamen Nenner, nämlich die ersten vier Schuljahre, was im Prinzip immer
noch gilt. Vermieden werden sollte seinerzeit die sozialistische
„Einheitsschule“, und es ist einigermaßen ironisch, dass gerade
Einheitsschulen – nicht-sozialistische – durchschnittlich höhere Leistungen
erzielen. In der
Konsequenz des Entscheids vor mehr als achtzig Jahren, der alle deutschen
Gesellschaftssysteme mit Ausnahme der DDR überstanden hat, findet die
schulische Selektion so früh statt wie in keinem anderen Bildungssystem. In
keinem anderen System ist sie auch so unkorrigierbar und mit so weitreichenden
Folgen verbunden. Es ist
geradezu Elternpflicht, alles zu versuchen, den Abschluss der Grundschule mit
einem Übergang zum Gymnasium oder mindestens zur Realschule zu verbinden, um
die Hauptschule als Restschule der „Verlierer“ zu vermeiden. Diese Haltung
entsteht aus der Privilegienverteilung. Solange das Abitur die höchste
Berechtigung ist, die den Hochschulzugang öffnet, und so lange ein Studium als
Königsweg für den Eintritt in den Arbeitsmarkt gilt, solange werden die
unteren Bildungsabschlüsse massiv entwertet und also gemieden, wo es nur irgend
geht. Dabei
ist nicht der Bildungswert entscheidend, sondern der Tausch- und Gebrauchswert,
der mit den unterschiedlichen Berechtigungen ungleich verteilt ist. In diesem
Sinne sind die PISA-Resultate systemisch gewollt, das Ziel ist nicht eine möglichst
hohe Bildungskompetenz für alle, sondern möglichst frühe Selektion, damit
gute, mittlere und schlechte Schüler unter sich bleiben können. Nach PISA
senkt genau das die durchschnittliche Bildungsqualität, also den Effekt, an dem
alle partizipieren. Das
Odium, bis heute
Warum
ist dieses starre und ungleiche System nie strukturell verändert worden? Nach
dem Zweiten Weltkrieg ist versucht worden, im Zuge der Re-Education einen
radikalen Systemwechsel herbeizuführen, nämlich die Etablierung eines
nicht-selektiven Bildungswesens nach Vorbild der amerikanischen Highschool. Begründet
wurde dieser Systembruch mit dem Beginn der neuen Demokratie, die endlich auch
in der Bildung Chancengleichheit realisieren sollte. Unmittelbar nach Neugründung
der Bundesländer war diese Idee vom Tisch. Als dann nach 1949 die
Einheitsschule in der DDR realisiert wurde, konnte darauf in der alten
Bundesrepublik kaum noch Bezug genommen werden. Die
partiell realisierten Gesamtschulen der sechziger Jahre sind immer von dem
Verdacht begleitet gewesen, sie seien leistungsfeindliche Produkte
sozialistischer Gleichmacherei, ein Odium, das bis heute besteht. Heute
kann aber nicht mehr mit Hinweis auf den Sozialismus darüber diskutiert werden,
wie sich die öffentliche Schule entwickeln soll. Andererseits kann man auch
nicht einfach fremde Systeme kopieren, und seien sie noch so erfolgreich. Man
kann immer nur das eigene System entwickeln, das nie ein zweites Mal komplett
neu erfunden wird, wie manche Kommentare unterstellen. Die zentrale Frage ist,
in welche Richtung die Entwicklung gehen soll. Die Einführung
einer echten Gesamtschule in Deutschland würde bedeuten, alle Kinder und
Jugendlichen von der Vorschule bis zum Abschluss der Sekundarstufe I, also
zwischen vier und sechzehn Jahren, im wesentlichen gleich zu verschulen, während
in Deutschland noch nicht einmal das Prinzip der Schulstufen durchgesetzt ist.
Die Primarstufe umfasst mit wenigen Ausnahmen nur vier Jahre, es gibt keine
verbindliche Vorschule oder Schuleingangsstufe, die Sekundarstufe I ist nach
Typen unterschieden, die Gymnasien entziehen sich der Stufung und bieten
integrale Programme von der fünften bis zur dreizehnten Klasse an. Weder die Kürzung
auf zwölf Schuljahre noch die Einführung von Ganztagsschulen ändert an dieser
Struktur etwas. Die Einführung
einer echten Gesamtschule hätte zur Folge, dass im Primar- und Sekundarbereich
nicht nur die heutigen Schultypen, sondern auch die Lehrerkategorien
verschwinden würden. Die Gymnasien hätten nur noch vier Jahre Schulzeit zur
Verfügung, sie würden zu dem, was in der Schweiz „Kurzzeitgymnasium“ heißt,
das logisch wie symbolisch auf gleicher Stufe steht wie die Berufsschulen. Das würde
bedeuten, auf mehr als die Hälfte der heutigen Stellen im Gymnasialbereich zu
verzichten, die frei werdenden Mittel könnten anders investiert werden, aber
das wäre längst nicht alles. Es müssten
größte Anstrengungen für einen kompletten Systemumbau unternommen werden, die
derzeit nicht annähernd absehbar sind, und dies nicht nur wegen der
finanziellen Möglichkeiten, sondern mehr noch aufgrund der historischen
Mentalitäten.
Niemand
würde wirklich wollen oder können, was mit einem Entscheid für eine
Gesamtschule nötig wäre. Die Lehrerbildung müsste einen kompletten Wandel
erfahren, das vorhandene Personal, eingestellt auf Besitzstandswahrung, müsste
gegen seinen Willen umgeschult werden, die Lehrpläne müssten völlig neu
geschrieben werden, die Ministerialbürokratie müsste quer zu den bisherigen
Laufbahnen neue Aufgaben übernehmen, die Mentalität der Lehrkräfte müsste
sich entgegen jahrzehntelanger Statuspflege radikal verändern – und dann hätte
man immer noch nicht die Voraussetzungen für die Qualität, die in Finnland
oder im besten aller Systeme, der kanadischen Provinz Alberta, erzielt werden. Der
zentrale Wandel nämlich ist der von der Unterrichtsschule zur Angebots- und Förderschule,
die mehr bietet als nur Schulstunden. Unterricht wird bekanntlich auch dann
abgehalten, wenn niemand etwas lernt. Der Ausfall von Unterricht ist ein
Dauerthema im Beschwerdekatalog der Kunden der öffentlichen Bildung, während
kaum je gefragt wird, was passiert, wenn der Unterricht stattfindet. Von ihrer
Struktur her ist die deutsche Schule eine typische Unterrichtsschule, das
Hauptaugenmerk liegt darauf, dass der Stundenplan erfüllt und nicht, welche
Qualität erzeugt wird. PISA war ein so großer Schock, weil die gute Qualität
vorausgesetzt, nie jedoch ernsthaft geprüft wurde.
Was man
„Chancengleichheit“ nennt, wird nicht einfach zugeteilt, sondern muss von
der Schule gestaltet werden. Es fällt auf, dass in Deutschland lediglich der
Begriff benutzt wird, ohne damit eine Praxis zu verbinden; das Postulat wird
heftig befürwortet und ebenso heftig verworfen, aber wie genau Schulen darauf
reagieren sollen, ist unbekannt. Hier hilft ein Blick über den Zaun:
Skandinavische oder auch angelsächsische Bildungssysteme verwenden Förderprogramme,
stellen die Lehrpläne auf Standards um, setzen Leistungstests zur Qualitätsentwicklung
ein, integrieren die sozialpädagogischen Dienste und versuchen, mit diversen
weiteren Maßnahmen, die Milieuunterschiede zu minimieren. Das
alles ließe sich in deutschen Schulen sofort realisieren, und zwar auch dann,
wenn keine Gesamtschule eingeführt wird, was politisch wie gesellschaftlich zu
erwarten ist. Skandinavische oder angelsächsische Bildungssysteme reagieren mit
diesen Maßnahmen auf wachsende Heterogenität der Gesellschaft, die die Schule
auffangen und bearbeiten muss, was mit einer reinen Unterrichtsschule nicht möglich
ist. Und bevor der typisch deutsche ideologische Streit durch die Koppelung von
PISA-Daten und Gesamtschulidee neu angefacht wird, mit der Aussicht, ihn nie
entscheiden zu können, sollte überlegt werden, was organisatorisch getan
werden kann, die Lernchancen der Schüler zu verbessern. Eine
strukturelle Möglichkeit, für die ich plädiere, wäre die Verlängerung der
Grundschule auf sechs Jahres, wie dies heute in Brandenburg und Berlin der Fall
ist. Zudem wäre eine zweijährige Vorschule einzuführen, die den Kindergarten
ersetzt. Man hätte so eine achtjährige Gesamtschule, die das bisherige System
nicht völlig auf den Kopf stellt, aber frühe Förderung mit besserer Beachtung
des Gebotes der Chancengleichheit verbinden könnte.
Der Autor lehrt Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich. [ © Süddeutsche Zeitung, 04.06.2003 ] |
Riskante
bildungspolitische Fahrt im Nebel
Der Bildungsforscher Andreas Schleicher über Versäumnisse nach Pisa und Fehler eines Zwei-Säulen-Schulmodells
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FR:
Sie mahnen in Ihren Vorträgen in Deutschland immer wieder an, dass man sich über
langfristige Ziele verständigen muss. Sehen Sie Ansatzpunkte, dass eine solche
Debatte in Gang kommt? Die Zusammenschau der Ergebnisse von Pisa und Iglu zeigt aber klar, dass das Ziel der frühzeitigen Differenzierung, nämlich leistungsschwächere und leistungsstärkere Schüler durch Trennung in verschiedene Schulformen optimal zu fördern, verfehlt wird. Weder werden in den Hauptschulen leistungsschwächere Schüler besonders gut gefördert, noch ergibt die Auslese der vermeintlich leistungsstärksten Leser für das Gymnasium eine zufrieden stellende Leistungsspitze. Schaut man genauer hin, zeigt sich auch, dass Kinder mit ähnlichen Iglu-Leistungen sehr unterschiedliche Beurteilungen in Form von Lese- und Deutschnoten sowie Übergangsempfehlungen für weiterführende Schulformen erhalten. Das bedeutet, dass viele junge Leute, die eigentlich zur Leistungsspitze gehören, nie eine Chance bekommen. Da liegt der Denkfehler. In der Pisa-Auswertung für die Bundesländer wird immer darauf verwiesen, dass Länder mit relativ vielen Gesamtschulen, wie Nordrhein-Westfalen, deutlich schlechter abschneiden als Länder, die hoch selektiv vorgehen, wie etwa Bayern. Das wird als Argument gegen mehr Integration ins Feld geführt. Zunächst einmal darf man nicht den Fehler machen, den integrativen Ansatz und die individuelle Förderung, wie sie heute in den wirklich erfolgreichen Staaten praktiziert werden, mit der deutschen Gesamtschule gleichzusetzen. Die deutsche Gesamtschule unterscheidet sich vom gegliederten Schulsystem ja nicht grundsätzlich. Auch dort wird auf homogene Leistungsgruppen gesetzt, auch dort wird institutionell differenziert, auch dort übernehmen die Schulen nicht die Verantwortung für Leistungsunterschiede. Man kann sogar umgekehrt sagen: Wenn man schon ein gegliedertes System hat, wie ja auch in Nordrhein-Westfalen, dann ist es besser, damit auch konsequent umzugehen, so wie es in Bayern geschieht. Die ineffektivste Lösung ist zu sagen: Wir haben ein gegliedertes System, aber wir verteilen die Schüler nach einer Art Zufallsprinzip auf die Schulformen. Ein Problem ist die Denkweise vieler Lehrkräfte, immer noch auslesen zu können. Richtig. Die Verantwortung für eine hohe Qualität der Bildungsleistungen, aber auch für eine gerechte Verteilung von Bildungschancen wird den Lehrern und Schulen abgenommen, indem sie sich die Klientel auswählen können. Für den Schüler, der Bildungsziele verfehlt, sind die Konsequenzen dagegen klar - der bleibt sitzen. In den leistungsstärksten Staaten ist es dagegen Aufgabe der Schule, konstruktiv mit Leistungsunterschieden umzugehen und Leistungsdefizite gezielt und individuell auszugleichen, ohne dass die Möglichkeit bestände, Schüler den Jahrgang wiederholen zu lassen oder sie in Bildungsgänge bzw. Schulformen mit geringeren Leistungsanforderungen abzuschieben. Am Ende profitieren sowohl die leistungsstarken als auch die leistungsschwachen Schüler. Lehrer, die sagen, die Schüler gehörten nicht in ihre Klasse oder sie seien für deren Unterricht nicht ausgebildet, werden in diesen Ländern Bibliothekare. Man könnte doch einfach per Gesetz oder Erlass anordnen, dass jede Schule die Schüler ab Klasse 5 zu einem Abschluss nach Klasse 10 führen muss. Das hat Finnland in etwa auch so gemacht. Man hat den Schulen dort jede Möglichkeit genommen, die Verantwortung für Bildungserfolg auf die Schüler abzuwälzen. Dort wurden Sonderschulen abgeschafft. Dort wurden Klassenwiederholungen abgeschafft. Und dort wurde auch das gegliederte Schulsystem abgeschafft, und es gibt dort niemanden mehr, der dem nachtrauert. Diese Reformen haben die Finnen aber mit wichtigen anderen Maßnahmen flankiert. So haben sie die Lehrerausbildung grundlegend reformiert, mit dem vorrangigen Ziel, Lehrer als Pädagogen auszubilden, die Schüler begleiten und dabei unterstützen, durch eigenständiges Denken und Handeln selbstständig und kooperativ zu lernen. Man hat außerdem die Schulaufsicht zu einem Instrument umgewandelt, dessen erste Aufgabe nicht Kontrolle, sondern wirkungsvolle Unterstützung der Einzelschule ist. Man braucht dann aber auch Kontrolle. Die Ergebnisse müssen evaluiert werden. Sicher, aber die entscheidende Frage ist, wie wir das wichtige Ziel der Evaluation in der Praxis umsetzen. Traditionell benutzen wir Klassenarbeiten und Zensuren zur Kontrolle, etwa um Leistungen zu zertifizieren und den Zugang zu weiterer Bildung zu rationieren. Für den Schüler in Finnland aber heißt Evaluation in erster Linie, motivierende Leistungsrückmeldungen zu schaffen. Für die einzelne Schule ist Evaluation ein Mittel, um darin unterstützt zu werden, besser zu werden. Ein gutes Evaluationssystem greift helfend ein, sobald ein Defizit aufgedeckt wird. Fehlen solche Mechanismen, also kann man Defizite wie zum Beispiel eine sozial ungleiche Verteilung von Bildungschancen nicht frühzeitig erkennen, so vergibt man die Chance, diese Probleme systematisch anzugehen. Dann wird Bildungspolitik und Bildungspraxis zu einer Fahrt im Nebel. Das Ergebnis kennen wir. Das Interview: Wer in Deutschland nur Schulstrukturen ändert, betreibt halbgare Bildungspolitik, sagt Andreas Schleicher, Leiter des Pisa-Programms zur Bewertung internationaler Schülerleistungen bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris. FR-Mitarbeiter Karl-Heinz Heinemann sprach mit dem Chef der OECD-Abteilung für Bildungsstatistik über Chancenungleichheit und die Macken der deutschen Gesamtschule. |
Freiheit wird zugemutet, nicht zugetraut.
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Was wir wollen, wissen wir: Starke junge Menschen, ihrer selbst sicher, ausgestattet mit Zutrauen in ihre Möglichkeiten und Mut zu Neuem. Sie sollen gerne lernen und Lust am Entdecken haben: für ein ganzes Leben. Einmischungs- und kooperationsbereit wünschen wir sie uns, teamfähig, tolerant und offen im Umgang mit der Vielfalt der Menschen - kreativ im Finden von Lösungen, angstfrei gegenüber möglichen Fehlern oder Irrwegen. Gruppenfähig sollen sie selbstverständlich sein, empathisch und verantwortungsbereit. Über umfangreiches Wissen sollen sie verfügen, selbständig denken, methodenkompetent arbeiten und problemlösend handeln können. Und das alles in möglichst fächerübergreifenden Zusammenhängen und sinnstiftenden Kontexten. Selbstverständlich sollen sie zudem fundierte Wertvorstellungen, Ordnungsmuster und Handlungsnormen ihr eigen nennen. Was wir aber haben ist menschlich beschämend und gesellschaftspolitisch kurzsichtig. Die internationalen PISA-Vergleichsuntersuchungen haben uns gespiegelt: Wir haben ein Bildungssystem, das diesen Zielen widerspricht. 33 % unserer 15-Jährigen sind in ihm durch Abstufung, Abschulung, Schulverweis oder Sitzenbleiben beschämt worden, was uns überalterte, demotivierte, gedemütigte, beschädigte, keineswegs selbstbewusste Jugendliche sowie hohe Kosten beschert. Wir fördern unsere Migrantenkinder völlig unzureichend und entlassen Jahr für Jahr in die Arbeitswelt eine Risikogruppe von 23 % junger Menschen, die über keine ausreichenden Basiskompetenzen verfügen, um erfolgreich in den Wirtschaftskreislauf eingegliedert zu werden. Wir lassen zu, dass uns ein geradezu katastrophaler Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und schulischer Leistung nachgewiesen wird. Und wir müssen erkennen, dass die bedrückend schlechten Leistungen des unteren Drittels sich nicht einmal "gelohnt" haben durch besonders gute Leistungen des oberen Drittels. Was getan wird, reicht nicht. Statt eine Bildungsrevolution auszurufen, soll das nachgewiesenermaßen gescheiterte System systemimmanent und möglichst kostenneutral repariert werden - und zwar mit eben den Mitteln, die sein Scheitern verursacht haben. Sonder-, Haupt-, Realschulen und Gymnasien bleiben bestehen. Die dafür nötige frühe Sortierung wird effektiviert. Leistung beruht weiterhin auf Normierung und Vergleich, soll jedoch durch mehr Leistungsdruck, Vergleichstests und Prüfungsverschärfungen auf der Basis festgelegter Standards gesteigert werden. Die Nichterfüllung gesetzter Normen führt weiterhin zu auslesender Abstufung in die niedrigere Klassenstufe oder Schulform. Die Einzelschule wird freigesetzt, zugleich aber durch noch mehr bindende Vorschriften und vergleichende Überprüfungen kontrolliert. Freiheit wird zugemutet, nicht zugetraut. Nicht die Kinder und Jugendlichen müssen in unser Bildungssystem eingepasst werden und die Folgen tragen, wenn sie die gesetzten Normen nicht erfüllen. Nicht die Eltern müssen mit Hilfe von Liebesentzug, Hausaufgabenterror, teuer bezahlten Nachhilfestunden und ebenso teuer erkauftem Privatunterricht für die ergänzende Ausbildung der kreativ-musischen Möglichkeiten ihrer Kinder aufkommen - das System selbst muss die Verantwortung und Förderung eines jeden Kindes übernehmen und rechtfertigen. Nur die Besten sollten Sozialpädagogen und Erzieherinnen, Lehrer und Institutsleiterinnen sein dürfen. Alle müssten an Hochschulen in unterschiedlichen, aber gleich hoch gewerteten Studienrichtungen hervorragend ausgebildet und natürlich später auch gleich bezahlt werden (wenn es denn sein muss, auf einem insgesamt niedrigeren Niveau). Diagnostisch kompetente, pädagogisch-psychologisch geschulte, didaktisch versierte und fachkompetente Menschen sollten das Lernen, den schulischen Alltag und auch die Lebensprobleme unserer Kinder erkennen, bedenken und begleiten können. Aus ihrer verantwortungsvollen Aufgabe folgt, dass sie zu ständiger Fort- und Weiterbildung verpflichtet werden, überwiegend im systemischen Zusammenhang. Wir müssen endlich Abschied nehmen vom Lernen im verordneten Gleichschritt, vom Lernen im 45-Minuten-Takt, vom Lernen in starren Fächergrenzen, vom Lernen auf die nächste Prüfung hin, nur an Vormittagen und im Jahresverbund. Das Lernen selbst muss gelernt und auch gelehrt werden als problemlösendes, selbsttätiges, eigenverantwortliches und handlungsorientiertes Lernen in sinnstiftenden Zusammenhängen. Wir brauchen den höchstmöglichen Leistungsanspruch, der denkbar ist: Jedes Kind soll so viel leisten können, dürfen und müssen, wie es zu leisten in der Lage ist. Dafür ist eine grosse diagnostische Kompetenz der Lehrkräfte nötig, muss Zeit sein für individuelle Förderung. Wir brauchen Lernen durch Vergleich, Vergleiche aber, die Mut machen - nicht verzagt, die anstacheln - nicht demütigen. Wir brauchen Leistung als Bewältigung einer Sache, Erreichen eines selbst gesetzten Ziels: im eigenen Zeitraster, nach eigenem Entwicklungsmaßstab und eigenem Leistungsvermögen, immer jedoch mit kompetenter Unterstützung. Wir brauchen vermutlich auch bundesweite Standards und darauf aufbauende gestufte Pflichtprüfungsaufgaben - aber wann ein Lernender sich ihnen stellt, ob er mit den Ergebnissen zufrieden ist oder sie verbessern will, könnte ihm selbst überlassen bleiben. Entsprechende Zertifikate mit den erreichten Prozent-Rängen würden in Leistungsmappen gesammelt, die jedoch auch all das enthielten: Berichte verschiedener Lehrkräfte zu Lernerfolgen und -fortschritten, Bescheinigungen über erfolgreich absolvierte Kurse in unterschiedlichsten Fertigkeiten, Urkunden zu besonderen Leistungen und Nachweise, die in landes- oder bundesweiten "Leistungsolympiaden", gegebenenfalls ausserhalb der Schule, erworben wurden, Jahresarbeiten, Referate, Gedichte, Aufsätze, Bilder, Werkstücke, Theater- oder Musikrezensionen uns vieles mehr, das der Lernende als besonders gelungen ansieht und mit dem er sich zeigen will. Wem bei uns im deutschsprachigen Raum und warum nur fällt es nach wie vor so unendlich schwer, sich für die Kinder einen einheitlichen Bildungsgang vom Kindergarten bis zum Ende ihrer Pflichtschulzeit vorzustellen? In einem Verbund von Kindertagesstätten und Schulen, die von allen Kindern und Jugendlichen aus allen sozialen Gruppierungen, mit all ihren körperlichen und geistigen Möglichkeiten, ethnischen Herkünften und religiösen Orientierungen besucht werden? In einer "Mischung" jenseits von Wohngebietsgrenzen, die stimmen muss, damit sie alle bereichert? Ich halte dies noch keineswegs für eine hinreichende, unbedingt aber notwendige Bedingung für die grundlegende Veränderung und Verbesserung unseres Bildungssystems. Welche Argumente gibt es angesichts überzeugender Vorbilder international, aber auch im eigenen Land, noch dagegen? Inzwischen können sich Pädagogen mit Stiftungen wie Bertelsmann und McKinsey, Reformpädagoginnen mit Elternverbänden, Handwerkskammern und Wirtschaftsverbänden über vieles von dem verständigen, was wir brauchen - auch darüber, wie finanzielle Mittel zu erwirtschaften sind. Gemeinsam können wir den verunsicherten Politikerinnen und Politikern beistehen. Wagen wir die Bildungsrevolution - besser heute, nicht erst morgen. Susanne Thurn ist Leiterin der Bielefelder Laborschule, einer staatlichen Versuchsschule (bis Klasse 10) des Landes Nordrhein-Westfalen. Die wissenschaftlich begleitete Schule wurde, wie das benachbarte Oberstufen-Kolleg, im Jahr 1974 nach Vorstellungen und unter der Leitung des Pädagogen Hartmut von Hentig gegründet. |
| 23082008 |